Produkte

40 Jahre Funktechnik aus Flensburg

Produkthistorie/Hintergründe

 

Mittelpunkt der Fabrik waren die Produkte!

Alles drehte sich immer um die Produktion, Stückzahlen, Liefertreue, Qualität und Kosten.

Ziel ist es, darüber zu berichten, wie sich die Produktionsbereiche im Laufe der Jahre ständig

  • auf organisatorische Veränderungen,
  • die Entwicklung der Funktechnik,
  • und auf neue Produkte

eingestellt haben.

 

1967 – Storno A/S, Kopenhagen gründet das Werk

Zeitraum 1967 -1975

 

Als das Werk Flensburg 1967 eröffnet wurde, konnte die damalige Mutterfirma, Storno A/S in Kopenhagen/Dänemark, bereits auf eine 20 jährige Erfahrung in Entwicklung und Produktion von Funktechnik zurückblickenBaracken Junkerhohlweg. Das Werk Flensburg wurde seinerzeit gegründet, um für den damaligen EWG-Raum hochwertige professionelle mobile Funkgeräte und Feststationen zu produzieren. Schwerpunkte der Fertigung in Flensburg waren bis Ende der 70er Jahre die Storno-Produktfamilien Stornophone 600 und Stornophone 700. In Flensburg wurden zunächst für Firma Siemens nur wenige Gerätetypen der Stornophone 600-Produktfamilie produziert. Produktionsstätte waren 4 Baracken im Junkerhohlweg. Als dann 1970 die Zusammenarbeit mit Siemens beendet wurde, baute Storno A/S eine eigene Vertriebsorganisation in Deutschland auf und das Werk Flensburg wurde 1972 durch 2 große moderne Fabrikgebäude erweitert. Kunden waren damal:

  • Transportfirmen,
  • Taxifunkunternehmen,
  • Verkehrsbetriebe,
  • Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS),
  • Betriebsfunkbetreiber / Anwender von Mobilfunksystemen (PMR) = Private Mobile Radio,
  • sowie Katastrophenschutz, Feuerwehren und Rettungsdienste.

Ab Mitte der 70er-Jahre vergrößerte sich dieser Kundenkreis für Produkte aus Flensburg. Dies ergab sich dadurch, weil im europäischen Raum und anderen Teilen der Welt immer mehr – allerdings untereinander inkompatible – Mobilfunkysteme eröffnet wurden. Diese Mobilfunk-Generation war nicht zellular strukturiert und die Vermittlung erfolgte meistens noch durch das „Fräulein vom Amt“.

Ein Beispiel ist das B-NeCQM 700tz in Deutschland. Das automatisch vermittelte skandinavische MTD-System war hier seinerzeit schon fortschrittlicher. (Mobile Telephony System–D)

In Flensburg wurden u.a. Produkte für die nordeuropäischen Mobilfunksysteme gefertigt, die auf dem weiterentwickelten Stornophone 700 aufbauten. Beispiele sind das CQM713D und CQM763D.

Weitere Kunden kamen Anfang bzw. Mitte der 80er Jahre hinzu, als eine weitere Generation lokaler, jedoch zellularer Funksysteme, eingeführt wurde. NMT und öbL-C lösten die alten Netze wie z.B. MTD und B-Netz ab oder ergänzten diese. (NMT = Nordic Mobile Telephony; öbLC = öffentlich beweglicher Landfunk-Netz C).

 

1976 – General Electric (GE) übernimmt Storno A/S

Zeitraum 1976 –1985

 

1976 übernahm General Electric/USA (GE) große Aktienanteile von Storno A/S und erweiterte später durch Aktienzukäufe seinen Einfluss auf die Firma. Daraus ergab sich, dass etwa ab 1977 eine gemeinsame Entwicklung neuer Produkte mit GE begann. Dies führte dazu, dass aus den Entwicklungsabteilungen in Lynchburg, Virginia/USA und Kopenhagen eine Vielzahl neuer innovativer Produkte kamen. Für das Werk Flensburg erweiterte sich dadurch die zu produzierende Produktpalette um die Produktfamilien Stornophone 5000, -900, -6000 die Feststation CQF9000 und das Stornomatic 9000 für die zellularen NMT- und öbLC-Mobilfunksysteme.

     
Stornophone 5000 Stornophone 900 Transportables Stornophone 6000

Diese Produkte waren so erfolgreich, dass sie auch nach der Übernahme des Werkes durch Motorola im Mittelpunkt der Produktion blieben.

 

1986 – Motorola übernimmt das Werk in Flensburg

Zeitraum 1986 -1994

 

1986 wird Storno A/S an Motorola verkauft. In diesem Zusammenhang wurde in den folgenden Jahren auch das Werk Flensburg zielstrebig neu organisiert und in die weltweite Organisation des Motorola-Konzern eingebunden. Zunächst wurden die bereits eingeführten Produktfamilien (5000, 900/9000 und 6000) weiterproduziert. Diese Produkte wurden bei Motorola als „conventional“ bezeichnet. 1989 erfolgte dann eine organisatorische und technische Aufteilung der Fabrik in zwei Produktionsbereiche:

  • Der eine Teil produzierte nur noch Produkte für zellulare analoge Mobilfunksysteme
  • und der andere Teil bereitete sich auf die Produktion der neuen digitalen GSM-Geräte vor.

Die Konsequenz war, das die Fertigung der „conventional“ Produktfamilien in den folgenden Jahren reduziert und 1991 völlig eingestellt wurde. Die Produkte und Fertigungslinien wurden an andere Produktionsstätten übergeben. Nachdem das Werk ab 1991 eine  „GSM-Handy-Fabrik“ geworden war, wurde auch die Produktion von analogen zellularen Produkten heruntergefahren und 1994 in Flensburg eingestellt. Aber bis dahin gab es noch viel zu tun. Hintergrund war, dass es Anfang der 90er Jahre 9 unterschiedliche Mobilfunksysteme in Europa gab, die in den Ländern von verschiedenen Telefongesellschaften teilweise parallel betrieben wurden, u.a.

  • NMT-450 (ab 1981), sowie auch NMT-900 (ab 1986), u.a. in Nordeuropa, Ungarn, Holland, Frankreich
  • TACS/ETACS (Total Access Communications System/900 MHz) u.a. in England, Italien, Österreich
  • öbLC, (öffentlich beweglicher Landfunk-Netz C) u.a. in Deutschland, Österreich
  • Radiocom 2000, in Frankreich
  • RTMI/RTMS (Radio Telephone Mobile System) in Italien

Um diese Märkte bedienen zu können, wurden die Produktfamilien Stornophone 900 und 6000 weiterentwickelt. Daraus ergab sich, das Stornophone 900 ab 1982 und Stornophone 6000 ab 1986 unter dem Namen Stornomatic 9000 bzw. -6000 als NMT- und öblC-Mobiltelefone produziert wurden. Ab 1989 wurde dann nur noch das kompaktere Stornomatic 6000 gefertigt. In verschieden Versionen deckte es hervorragend diese Märkte ab. In modifizierter öbLC-Version wurde es darüber hinaus als Motorola CP451 und Storno CS8 bzw. CS9 gefertigt. Anfang der 90er Jahre kamen als Neuentwicklungen das Motorola MCR 4800 (Cimber I/ NMT450), Motorola Associate 2000 (Cimber II/NMT450) und das Handfunkgerät „SAM3“ für NMT-900 und ETACS hinzu.

 
Storno Modell CS9 – öbLC Mitarbeiter der Produktion präsentieren das 300.000ste öbLC-Gerät

Diese Produktgruppen erwirtschafteten in den Jahren 1990 bis 1993 hervorragende Gewinne u.a. bedingt durch die Öffnung Osteuropas und die Wiedervereinigung. Das DDR-Telefonsystem war völlig marode und es wurden dringend leistungsfähige Kommunikationssysteme benötigt. Aus diesem Grund wurden sogar NMT-Geräte in Norddeutschland dorthin verkauft, wo eine Verbindung über Dänemark technisch möglich war. In den Zeitraum von 1991 bis 1993 wurden dann die ersten flächendeckenden zellularen GSM-Funknetze eröffnet. Mit dem weltweit technisch einheitlichen GSM-Standard fand die Kleinstaaterei der unterschiedlichen und nicht kompatiblen Funksysteme dann ein Ende. (GSM = Global System for Mobile Communications).

 

1991 – Motorola Handy-Fabrik, Flensburg

Zeitraum von 1991 bis 2007

 

1991 wurde das Werk Flensburg Pilotfabrik für die ersten GSM-Produkte des Motorolakonzerns. Die GSM-Produkte, die ab 1992 produziert wurden, unterschieden sich völlig von dem, was man bisher kannte. Die neue Funktechnik ersetzte teure, unhandliche und für spezielle Anwendungen gedachte Produkte durch relativ preiswerte digitale GSM-Mobiltelefone für jedermann. Mobiles telefonieren wurde ein Massenartikel. Auf diese Herausforderung und die damit verbundene Technologie war Motorola damals sehr gut eingestellt. Der Semiconductor Products Sector (SPS) war in der Lage, die für eine Massenproduktion notwendigen Chipsätze zu entwickeln und herzustellen. Man hatte ferner Erfahrungen mit der Entwicklung, Produktion und dem Vertrieb von mobilen Geräten für das analoge zellulare AMPS-Funknetz sammeln können, das bereits 1988 in den USA eingeführt worden war. Hier war Motorola Marktführer. (AMPS=Advanced Mobile Phone Service) Als es dann im deutschsprachigen Raum 1992 mit der Eröffnung des D-Netzes (900 MHz) und 1994 mit dem E-Netz (1800 MHz) mit der neuen Technik los ging, fehlten nur Produktionsstätten für digitale GSM-Handys. 1990/91 begann Motorola daher, sowohl in Easter Inch/Schottland als auch in Flensburg, diese Lücke zu schließen. Während die Fabrik in Easter Inch (UK) auf einer „grünen“ Wiese aus dem Boden gestampft wurde, gab es in Flensburg bereits ein Werk, das mit der Produktion von Funktechnik vertraut war. Die Fabrik war zu diesem Zeitpunkt bereits neu organisiert und die Produktion auf Schichtbetrieb umgestellt worden. Es wurde eine neue IT- und Vertriebs-/ Logistikabteilung (Distribution) aufgebaut und ein Reparaturzentrum (High-Tech-Center/HTC) für Handys eingerichtet. Darüber hinaus wurde umfangreich in neue Produktionsmittel und Testausrüstungen investiert.

 

Mr. Bob Galvin (Sohn des Motorola Firmengründers), späterer Geschäftsführer in Flensburg: Bent Andersen

Parallel dazu wurden alle analogen Produkte und Produktionslinien im Laufe der Jahre 1991 bis 1993 an das Motorolawerk in Taunusstein und andere Produktionsstätten übergeben. In diesem Zeitraum wurde auch mit der Fertigung des ersten GSM-Produktes, dem „International 1000“, begonnen. Dieses von Storno/Motorola entwickelte mobile und transportable GSM-Funktelefon war relativ unhandlich und wog knapp 3 kg. 1992 begann dann nach erfolgreich abgeschlossenen Probeserien die Produktion von GSM-Handtelefonen. Erstes Handy-Produkt war das Motorola „International 3200“ (genannt „Knochen“). Es wog etwa 500 Gramm und war das weltweit erste GSM-Handtelefon auf dem Markt, gefertigt in Flensburg !

     
1991 / International 1000 = 3kg 1992 / International 3200 = 500g 1993 MicroTAC 7200 = 250g

Die schnelle Einführung neuer Produkte führte dann im Laufe der Jahre zu Handys, die weniger als 100 g wogen und ständig technisch und modisch verbessert bzw. verändert wurden. Durch die rasante Entwicklung der GSM-Produktionszahlen platzte die Fabrik bald aus allen Nähten.

Ende 1998 erfolgte dann die Einweihung der neu erbauten Fabrik in der Husumer Straße, wo unter optimalen Produktionsbedin-gungen produziert werden konnte. Alle in der Stadt verteilten Produk-tionsbereiche wurden 1999 hier konzentriert.
Die Mitarbeiterzahl stieg im Jahr 2000 auf fast 3000 Angestellte und das Werk Flensburg war inzwischen einer der größten Arbeitgeber des Landes geworden. Darüber hinaus unterstützten Zulieferer und Leiharbeiter die Produktion. Ab 2001 bereiteten sich Teile des Werkes auf die UMTS-Technik vor. (Universal Mobile Telecommunications System.) UMTS hat gegenüber dem GSM-Standard deutlich höhere Datenübertragungsraten, wodurch sich gänzlich neue Anwendungsmöglichkeiten ergaben. (z.B. Multimedia, Internet) Erste Probeserien für die technisch völlig neuen UMTS-Produkte wurden durchgeführt und die damit verbundene Messtechnik konnte getestet werden. Parallel hierzu wurde in Europa die Infrastruktur für die UMTS-Funknetze aufgebaut. Verschiedene Anbieter (Provider) ersteigerten z.B. die deutschen UMTS-Lizenzen für rund 100 Milliarden DM. Dies zeigt, welche wirtschaftliche Bedeutung mittlerweile das Handygeschäft erreicht hatte. Produkte aus dem Werk Flensburg spielten hierbei nicht nur für Motorola, sondern für die gesamte Region eine wichtige wirtschaftliche Rolle.

  Es überrascht daher nicht, dass im Werk Flensburg im Jahr 2002 mit dem „A820“ bzw. wenig später dem „A830“ die weltweit ersten kombinierten GSM/GPRS/UMTS-Handys produziert wurden. Wie bereits erwähnt, war 10 Jahre zuvor, hier auch schon das weltweit erste GSM-Gerät gefertigt worden.

Diese Beispiele zeigen, dass die in Flensburg produzierten Produkte stets dem neuesten technischen Stand entsprachen und viele zeichneten sich darüber hinaus durch innovatives Design aus. Hier einige weitere Beispiele:

  • MicroTAC 7200 bzw. 8200, seinerzeit die kleinsten und leichtesten Handys
  • StarTAC, mit schwenkbare Klappe zum Schutz der Tastatur
  • Timeport 7089, erstes Tri-Band-Handy (900/1800/1900 MHz)
  • Timeport 260, erstes GPRS-Mobiltelefon (General Packet Radio Service)
  • V70, Handy mit drehbarer Frontschale und rundem Display
  • RAZR, ultraflach mit metallisch glänzender Oberfläche
     
StarTAC V70 RAZR V3

Wichtig für die Auslastung der Produktionslinien waren aber auch immer Produkte, die den Niedrigpreissektor abdeckten. Bis zur Schließung der Produktion, war Flensburg das einzige Motorola-Werk, dass UMTS-Produkte fertigte. Dies erfolgte allerdings schon mit einer stark reduzierten Mitarbeiterzahl. Bereits 2001 hatte Motorola damit begonnen, weltweit Fertigungskapazitäten stillzulegen. In Europa waren davon zunächst nur eine Fabrik in Dublin/Irland und das Werk in Easter Inch (UK) mit mehreren tausend Mitarbeitern betroffen. Im Jahr 2004 wurde dann auch in Flensburg die GSM- und 2007 die UMTS-Produktion eingestellt. Alle Produktionslinien wurden an das Motorolawerk Tianjin/China übergeben. Das HTC (Handy-Reparaturzentrum) wurde 2007 und das Distribution (Vertrieb) im Jahr 2008 geschlossen. Abschließend soll noch einmal deutlich gemacht werden, welchen Fortschritt die Technik und die damit verbundenen Produkte in diesen 15 Jahren gemacht haben. Die Historie der in Flensburg produzierten Handys begann beim unhandlichen „Knochen“, dem   „International 3200“ im Jahr 1992 und endet 2007 beim ultraschmalen „RAZR V3x“ mit u.a. 2 Farbdisplays, Multimedia- und Internet-Anwendungen, Stand-by 250h sowie kombinierter GSM/GPRS/UMTS-Fähigkeit.

40 Jahre lang wurden in Flensburg hochwertige funktechnische Produkte gefertigt und in alle Welt geliefert. Mit der Schließung des Motorola-Werkes ging damit auch ein Stück bedeutender Industriegeschichte zu Ende.